Blick in ein anderes politisches System - ein Jahrzehnt intensiver Kontakte mit Estland

Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer kam es über ein Jahrzehnt lang zu vielfältigen und intensiven Kontakten unserer Schule zu Estland: Sie bildeten in den 1990er Jahren einen Schwerpunkt in den Aktivitäten unseres Gymnasiums (1989 – 2006). Diese Kontakte bestanden im Wesentlichen aus drei Elementen:

– dem Schüleraustausch mit einer Partnerschule (der 43. Keskool) in Tallinn

– den Wohltätigkeitskonzerten in der Adventszeit (von 1992 – 2006), bei denen unsere Schülerinnen und Schüler ihr musikalisches Können zeigen konnten: Die Eintrittsgelder und Spenden unterstützten zunächst unsere Partnerschule, später ein Behindertenheim in Estland.

– Sammlung von gebrauchter Kleidung, die von den Johannitern an das Behindertenheim in Estland transportiert wurden.

Leider reicht der Platz in dieser Festschrift nicht aus, um die zahlreichen Helfern bei den Konzerten, den Sammelaktionen und dem Transport zu erwähnen und ihnen noch einmal zu danken. Nur so viel: Ohne den unermüdlichen Einsatz unserer Kollegin, Frau Rose Slotty, bei allen drei Aktionen und ohne die Unterstützung von Herrn Busch wäre das alles nicht möglich gewesen.

Entstehung des Schüleraustausches mit der 43. Keskool in Tallinn:

Unsere Schule besaß damals Schulpartnerschaften mit dem  Lycée de Cergy in Cergy-Pontoise (Frankreich),  zur Grammar School in Ormskirk (West-Lancashire, GB) und auch – für kurze Zeit – zur Chugiak High School in Eagle River (Alaska, USA!).

Wichtig ist auch die damalige politische Situation: Durch die Politik Gorbatschows begann die Konfrontation zwischen Ost und West sich zu entspannen, am späten Abend des  9. November 1989 wurde die Berliner Mauer geöffnet. 

Estland gehörte damals – gezwungenermaßen – noch zur Sowjetunion – und zwar seit 1940. In der damaligen weltpolitischen Lage entstand auch in Estland – wie in den zwei anderen baltischen Staaten – der Wunsch nach einer größeren Selbstbestimmung bis hin zur staatlichen Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Die meisten von uns wussten von diesen Bestrebungen gar nichts. Für uns gehörte Estland zur Sowjetunion, und es tat sich für unsere Schule die Möglichkeit auf, zeitgleich mit Schulen in der Sowjetunion und in den USA Partnerschaften zu unterhalten. Denn damals gab es – allerdings nur kurze Zeit – eine Schulpartnerschaft mit einer Schule in Alaska.

In dieser politischen Lage kam es – durch einen Zufall – zu unserem ersten Kontakt mit der Schule in Estland: Katrin Kivi*, eine ehemalige Schülerin unserer späteren Partnerschule, studierte damals die deutsche Sprache und besuchte privat eine Erkrather Familie. Ihr Wunsch: sie wollte einmal den Unterricht an einer deutschen Schule kennenlernen.  Unser damaliger Schulleiter, Herr Busch, sah die sich bietende Gelegenheit: Katrin Kivi stellte auf seine Bitte hin eine Verbindung zu ihrer ehemaligen Schule her, an der es eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schüler ab, die die deutsche Sprache erlernten. Und der damalige Schulleiter der estnischen Schule nahm auch sofort die Chance wahr: Denn damals waren für Esten Reisen in den Westen fast unmöglich.

Im August 1990 machten sich 16 Schülerinnen unter der Leitung von Herrn Busch, Frau Slotty und mir auf den beschwerlichen Weg nach Tallinn (u.a. Flug von Berlin-Schönefeld nicht nach Tallinn, sondern in das damalige Leningrad, und von dort mit dem Bus nach Tallinn).  Neu war, dass wir in Tallinn privat bei den Familien wohnen durften und nicht – unter Kontrolle – in Gemeinschaftsunterkünften wohnen mussten.  Die estnischen Familien haben für uns viele Opfer bringen müssen aufgrund der beengten Wohnverhältnisse und der wirtschaftlichen Nöte –  zu sehen an den damaligem Käuferschlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Unsere Schülerinnen und wir Lehrer wurden versorgt, als ob es diese Lebensmittelknappheit in Estland nicht geben würde.

Während unseres Aufenthalts gab es für die Schülerinnen ein umfangreiches „Kulturprogramm“, in dem wir über Geschichte, Geographie, Sprache und Kultur des Landes informiert wurden; dazu gehörte auch die schwere Zeit der Esten während der Zugehörigkeit zur Sowjetunion von 1940 an: In fast jeder Familie gab es einen oder mehrere Mitglieder, die nach Sibirien verschleppt worden waren (u.a. auch Frau Sepp, die bei unserem Besuch amtierende Schulleiterin).

Zu den Highlights unseres umfangreichen Besuchsprogamms in Estland gehörten:

– kulturell die Besichtigung der Altstadt von Tallinn mit den alten Bauten aus der Hansezeit – zum Glück nie durch kriegerische Ereignisse zerstört -,  und der Universitätsstadt Tartu

– Als besonderes Erlebnis eine zweitägige Exkursion nach Körvemaa (Landschaftsschutzgebiet in Mittelestland) und in den Nationalpark Lahemaa (an der Nordküste Estlands) –  mit Sauna, abendlichem Lagerfeuer und einer unvergesslichen Fußwanderung durch das Moor.

Der erste Gegenbesuch der Esten fand im Dezember 1990 statt. Dazu mussten viele bürokratische Hürden – zum Teil mit Hilfe der deutschen Botschaft in Moskau – überwunden werden, damit unserer Partnerschule der Besuch überhaupt gestattet wurde, und Fahrkarten und Devisen für die Reise zugeteilt wurden.  Für unsere ganze Schule war der Höhepunkt des Besuchs die Veranstaltung in der Stadthalle, in der die estnischen Gäste uns einen Einblick in die reichhaltige Folklore Estlands boten – vorgetragen in bunter heimatlicher Tracht. So etwas hatten unsere Schülerinnen und Schüler noch nie erlebt.

In den Jahren 1993, 1995, 1996, 1998 und 2000 erfolgten weitere Besuche von Schülerinnen und Schülern unserer Schule in Estland.   Aus Platzgründen erwähne ich hier nur kurz zwei Höhepunkte, zufälligerweise beide während unseres  Aufenthalts im Jahr 1993: Damals konnten wir zwei typische Highlights der estnischen Kultur kennenlernen: Wir nahmen an der Sonnenwendfeier am 24.6. auf der Halbinsel Käsmu an der Ostseeküste teil und konnten das Sängerfest der Schulen, das nur alle 5 Jahre stattfindet, besuchen:  Wir sahen den festlichen Umzug der Jugendlichen in ihren bunten Trachten und das eigentliche Sängerfest im Stadion Kalev.

 Die Kontakte mit Estland haben, so glaube ich, allen Beteiligten viel gebracht – vor allem in den ersten Jahren: Unsere am Austausch beteiligten Schülerinnen und Schüler haben viele Eindrücke und Erfahrungen gewonnen – auch aufgrund der damaligen politischen und wirtschaftlichen Situation, dazu unvergessliche Erlebnisse. Unsere jungen Musikerinnen und Musiker konnten vor der Schulgemeinde ihre musikalischen Fähigkeiten zeigen. Für die estnischen Schülerinnen und Schüler war es vor allem beim ersten Besuch die einzige Gelegenheit, den Westen zu besuchen, und wir konnten zuerst unsere Partnerschule und später ein Behindertenheim mit unseren Spenden finanziell unterstützen, als dies noch sehr notwendig war.

                                                                                              Ludwig Schmidt, Lehrer am Gymnasium am Neandertal 1973-2010

 

* Katrin Kivi hat inzwischen Karriere gemacht: Sie war estnische Botschafterin in Dänemark und ist zur Zeit die Ständige Vertreterin Estlands beim Europarat in Straßburg. (seit 2015)